Genderzwang: Von Lehrer:Innen, Dozen_Innen und den allzeit Lernenden

Von Klaus Rüdiger*
Die Lektüre «Genderzwang. Wie Sprachpolitik die Freiheit des Sprechens gefährdet» ist allen zu empfehlen, die sich im schulischen oder akademischen Milieu bewegen. Die wissenschaftlichen Klarstellungen, die Hintergrundinformationen und die politische Einordnung des Genderzwangs bieten ein hilfreiches und ausführliches Argumentarium, das hilft, bei sich und seiner persönlichen Sprache zu bleiben.
Realer Genderzwang
Entgegen der Behauptung der Genderprotagonisten, es gebe keinen Zwang zum Gendern, zeigt repräsentativ ein Fallbeispiel aus Zürich. Lehrer sollen ihren Unterricht wie folgt gestalten: «Verwenden Sie bewusst nur die weibliche Sprachform mit der Erklärung, das männliche Geschlecht mit zu meinen [sic], und reflektieren Sie gemeinsam die Reaktionen. Vereinbaren Sie mit den Schülerinnen und Schülern, eine geschlechtergerechte Sprache im Unterricht zu verwenden. Legen Sie gleichzeitig Konsequenzen für die Nichteinhaltung des geschlechtergerechten Sprachgebrauchs fest, etwa, dass alle einander korrigieren.» (Seite 79 im Buch)
Diese Anleitung eines «Schulentwicklungsprogramms» mit dem Titel «Gleichstellung in der Schule» zielt direkt auf eine radikale Veränderung der Alltagssprache von Kindern. Der Lehrer soll sprachlich provozieren, mit seinen Schülern die sprachliche Änderung besprechen und abschliessend eine «Vereinbarung» über sogenannte «geschlechtergerechte Sprache treffen. Damit werden schulpflichtige Kinder manipuliert. Der empfohlene Vorgang erfolgt in einer pädagogischen Beziehung, also in einem asymmetrischen Abhängigkeitsverhältnis. Und mit einer scheinbar selbstgewählten Sanktionierung bei Verstössen gegen geschlechtergerechte Sprache soll dieser manipulierende Eingriff abgerundet werden.
Die offizielle Vorgabe der Zürcher Bildungsbehörde haben Lehrer jedoch nicht nur in einzelnen, thematisch ausgewiesenen Stunden zu befolgen. Die Schulbehörde verlangt, geschlechtergerechte Sprache in ihrer pädagogischen Alltagshaltung, also als Querschnittsaufgabe zu verstehen. Es solle eine genderbewusste Haltung vorgelebt werden.
Breite Palette von Zwangsinstrumenten
Das Beispiel aus Zürich zeigt indes nicht ein besonders krasses Einzelbeispiel manipulativer Sprachpolitik, das der Germanist und Romanist Fabian Payer und die Literaturwissenschaftlerin und Sinologin Dagmar Lorenz in ihrer Sachanalyse veröffentlicht haben. Es ist eines von über 50 Fallbeispielen aus unterschiedlichen Lebensbereichen, die belegen, wie vielfältig sich der «manifestierende Zwang» zum Gendern in den vergangenen Jahren in fast allen Lebens- und Arbeitsbereichen verbreiten konnte. Die Fallbeispiele belegen, dass sich hinter den diversen Empfehlungen zur «geschlechtergerechten Sprache» häufig sanfter Zwang oder gar nackte Repression verbergen: Leitbilder in Schulen, sprachregulierende Gesetze und Verordnungen, sprachliche Vorgaben in Verlagen, Medien und Kunstbetrieben, gekoppelt mit Hinweisen oder Ermahnungen von Vorgesetzten, Versetzungs-androhungen, Arbeitsplatzverlust.
Unwissenschaftlicher Ansatz
Ausgangspunkt des Genderns ist ein bestimmtes universitäres Milieu. So zeigen die beiden Autoren anhand einzelner Etappen auf, wie der eigentliche Durchmarsch und Siegeszug der feministischen Linguisten gelingen konnten. Als wirksame Exponenten der feministischen Spracherziehung werden Senta Trömel-Plötz und Luise F. Pusch hervorgehoben, die die feministische Linguistik in Deutschland begründeten. Beiden war die deutsche Sprache als «Männersprache» regelrecht verhasst. In ihrem linguistisch getarnten Kampf gegen die Männerwelt konzentrierten sie sich auf die Vernichtung des generischen Maskulinums, also auf «toxische» Formulierungen wie «der Schüler», «der Lehrer». Sprache sei jedoch weder gerecht noch ungerecht, hält Dagmar Lorenz fest.
Genus ist eine innersprachliche grammatische Kategorie, Sexus hingegen ist eine aussersprachliche biologische Kategorie. Die feministische Sprachanalyse habe sich eben von Anfang an nicht als beschreibende Wissenschaft verstanden. Es sei ein politisches Engagement gewesen, das auf gesellschafts-verändernde Wirkung abzielte, so Lorenz weiter.
Abbruch des Genderexperiments
Die beiden Autoren resümieren, dass Gendern die Komplexität ohnehin schon anspruchsvollen deutschen Sprache erhöhe. Die Sprache verlöre ihre Prägnanz und das Gendern würde zu semantischen Aufweichungen führen. Alle Kollateralschäden des Zwangs zum Gendern würden aufzeigen, dass das Sprachexperiment Gendern, wie es die Autoren nennen, augenblicklich beendet werden müsse. «Genderzwang» von Payr und Lorenz bietet eine verständliche sprachwissenschaftliche und wissenschaftshistorische Darlegung des Genderns und des mit ihm untrennbaren verbundenen Zwangs, die eigene Sprache dem Gender-Diktat zu unterwerfen. Doch wie lange wollen wir das mitmachen?
*Klaus Rüdiger ist im Bildungsrat von St. Gallen und Mitglied des Lehrernetzwerks Schweiz
Genderzwang. Wie Sprachpolitik die Freiheit des Sprechens gefährdet», Payr, Fabian, Lorenz, Dagmar, Würzburg 2026 bei «Königshausen & Neumann





