Kolumne 5: Das Dilemma mit den asozialen Medien

Von Jérôme Schwyzer, Präsident Lehrernetzwerk Schweiz

Mit diesem Text laufe ich grosse Gefahr, es mir mit den Menschen, die mir täglich anvertraut sind, gründlich zu verscherzen. Aber manche Dinge müssen nun mal gesagt werden, auch wenn der Preis hoch ist. Und wer als Lehrer nie der Blödmann ist, macht ohnehin etwas falsch. Ich rede nämlich von der Seuche der Smartphones: Man sollte sie für alle unter 16-Jährigen verbieten. Und zwar subito! 

Um vorab eines klarzustellen: Je länger ich unseren Staat kenne, werde ich vom Liberalen zum Libertären. Aber: Es gibt Grenzen. Weil der Mensch nebst dem, dass er im Ebenbild Gottes geschaffen und darum zur Freiheit berufen ist, noch eine andere, nämlich eine in die Sünde gefallene Seite hat, muss er manchmal auch vor sich selbst geschützt werden. Dies gilt vor allem für Kinder und Jugendliche. Wer das nicht glaubt, begutachte die Früchte antiautoritärer Erziehung. 

Wenn ich heutzutage Jugendliche beobachte, stelle ich fest, dass diese ohne ein Smartphone weder mit sich selbst noch mit ihren Mitmenschen etwas anfangen können. Wie Zombies sitzen sie an einem Tisch und starren in ihr hell leuchtendes Rechteck. Miteinander reden, gemeinsam etwas unternehmen, können sie oft nur noch, wenn Erziehungsberechtigte ihnen das Smartphone explizit verbieten. 

Diese Geräte berauben unsere Jungen schlichtweg ihrer Kindheit. «Die meisten Kinder haben keine Chance, diese Zeit unbeschadet zu überstehen», schreibt mir eine befreundete Unternehmerin besorgt. Sie meint, viele junge Erwachsene seien bereits so geschädigt, dass sie keine Fähigkeit entwickelt hätten, einen anderen Menschen zu verstehen, sich um ihn zu kümmern oder sich für ihn einzusetzen. 

Dies ist natürlich etwas verallgemeinernd, aber es ist leider das, was auch ich im Schulalltag vermehrt beobachte und was mich manchmal an den Rand der Verzweiflung bringt: Jeder denkt in erster Linie für sich selbst, lebt in seiner Ego-Welt. Die anderen kümmern einen wenig, mit Ausnahme der superbunten und möglichst diversen virtuellen Influencer. 

Doch ich mache den Jugendlichen keinen Vorwurf. Dass diese Geräte so konzipiert sind, dass sie süchtig machen, ist spätestens seit dem Film «Das Dilemma mit den sozialen Medien» weitgehend bekannt. Ich mache vielmehr jenen einen Vorwurf, die nichts dagegen unternehmen. Denn leider ist der Kauf eines Smartphones oft mit sozialem Druck verbunden. Wer keines hat, ist kaltgestellt. Deshalb wäre hier für einmal die Politik gefragt: Es bräuchte dringend ein Verbot von Smartphones oder zumindest von Social Media für alle unter 16! Dass der Umgang mit diesen Geräten auch später noch gelernt werden kann, zeigen alle Menschen meiner Generation, die sich in der digitalen Welt zurechtfinden (obschon viele Erwachsene nicht minder süchtig sind als die Jugendlichen – aber das ist ein anderes Thema). Dass viele Schulen diese Geräte verbannen, ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber er reicht leider nicht. Es bräuchte klare Kante und knallharte Verbote – zum Schutz unserer nächsten Generation. 

Wenn ich mit meiner Klasse ins Lager fahre, gilt ein Smartphone-Verbot. Nach dem ersten Schock und anfänglich sehr verzweifelten Protesten sind die Rückmeldungen danach durchwegs positiv – insbesondere von Schülerinnen, die sich zuerst am lautesten gegen dieses Regime aussprechen. Warum? Weil die Jugendlichen wieder einmal lernen, sich mit einem realen Gegenüber auseinanderzusetzen. Weil sie sehen, wie das Leben eigentlich funktionieren würde. Und merken, dass wir für die reale Interaktion miteinander geschaffen sind – nicht für das stundenlange Starren in einen grellen Bildschirm, wo ständig eine Siri, ein Algorithmus, ein Baller-Game, ein Pornoclip oder irgendeine Social-Media-Tussi oder was auch immer destruktiv dazwischenfunkt! 

Geschrieben von Jérôme Schwyzer

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