Kolumne 3: Die Last der Unendlichkeit

Von Jérôme Schwyzer, Präsident Lehrernetzwerk Schweiz

 

Manchmal passiert es einem, dass man als Lehrer einem Schüler etwas erklärt, vielleicht zum fünften Mal, und plötzlich fühlt man sich um Jahre zurückversetzt und merkt: Dieser verzweifelte Schüler da, der die Thematik noch immer nicht verstanden hat, das bin ja ich. So geht es mir oft. Und zwar im Mathematikunterricht.

Mit Ausnahme meiner Sekundarschulzeit stand ich mit diesem Fach auf Kriegsfuss und verstand sehr oft mehr Bahnhof als irgend etwas anderes. Und dass aus meiner Oberstufenzeit drei goldene Mathematikjahre wurden, lag weniger an meinen Fähigkeiten als an meinem Lehrer. Ich muss es zugeben: Dieser unglaublich behutsame und wundervolle Mensch, der mich auch drei Jahre als Klassenlehrer begleitete, hat mich, den Vaterlosen, geprägt wie kaum ein anderer Mann, und ich habe bis heute selten jemanden erlebt mit einer solchen Geduld, Zuneigung und Gütigkeit.

Er ist auch Grund und Ursprung, dass ich selbst zum Lehrer geworden bin. Und im Besonderen auch dafür, dass ich heute Mathematik unterrichte. Denn wenn es möglich war, einem wie mir die Mathematik irgendwie begreiflich zu machen, so kann es so etwas wie hoffnungslose Fälle nicht geben.
Und doch, bei vielen Schülern löst dieses Fach während der gesamten Schulkarriere im besten Fall Frust, im schlimmeren Grauen bis nacktes Entsetzen aus, denn die Mathematik ist stets verbunden mit einer grossen Last – der Last der Unendlichkeit nämlich. Denn auf die Frage, was eins und eins ergibt, gibt es genau eine korrekte Antwort. Und unendlich viele falsche. Da ist es nichts als verständlich, dass, wenn die Chancen auf Erfolg bei eins zu unendlich stehen, viele es gar nicht versuchen mögen und die Segel schon mal vorsorglich streichen.

Ich weiss, dieser Vergleich hinkt etwas, denn das Ausrechnen einer Rechnung hat weniger mit Wahrscheinlichkeit und Statistik zu tun, als vielmehr mit Methode, Kompetenz und Eleganz. Trotzdem finde ich den Vergleich bis heute hilfreich und dienlich. Gerade im Schulalltag.

Was möchte ich eigentlich mit dieser Kolumne sagen?
Vielleicht eines: An der Schule und insbesondere im Mathematikunterricht herrscht oft eine (zu) grosse Fokussierung auf die Fehler. Und das ist ein Fehler.
Gerade in der Mathematik sollte doch eines unserer drängendsten Ziele sein: die Freude an den Zahlen zu wecken. Die Freude an der Komplexität geometrischer Formen. Das Kuriosum des Gesetzes der Grossen Zahl.

Die Freude daran, ein komplexes Problem nach langem Studieren und Versuchen zu lösen. Wir sollten und müssten eigentlich versuchen, den Schülern begreiflich zu machen, dass in diesem Fach, und somit auch in der Welt, der Horizont die Unendlichkeit ist. Und somit auch das Potenzial eines jeden einzelnen Menschen. Wir sollten dieses Fach poetischer gestalten, denn dann tun sich ganz neue Räume und Welten auf. Aber jetzt drifte ich ab.
In ein anderes Fach. Ins Deutsch. Kein Wunder für einen, der dieses Fach schon immer abgöttisch geliebt hat.

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