1. Aus einem festgestellten Geschlecht wird ein «zugeteiltes» Geschlecht
SRF erklärte Kindern das Konzept eines «zugeteilten Geschlechts bei der Geburt».
Die Ombudsstelle erkennt darin keineswegs eine neutrale Wortwahl. Trotzdem präsentierte SRF den Kindern diese Deutung, ohne sie als solche kenntlich zu machen. Das Urteil der Ombudsstelle dazu ist bemerkenswert deutlich: «Bei einer Publikation, die sich an Kinder und Jugendliche richtet, geht diese Beschreibung nicht an.»
2. Eine umstrittene Geschichtsdeutung wurde Kindern als Forschungsstand verkauft
Noch gravierender ist der Befund zu einer historischen Behauptung. SRF erklärte Kindern, Geschlechtervielfalt habe es schon immer und überall gegeben und vor vielen Jahren hätten Menschen begonnen, alle Identitäten ausser «Frau» und «Mann» zu unterdrücken.
Die Ombudsstelle zerlegt diese Darstellung geradezu exemplarisch: Es handle sich um eine «weitreichende geschichtswissenschaftliche These», die ohne Quelle, Einordnung oder Relativierung «als gesicherter Forschungsstand präsentiert» worden sei.
Besonders problematisch: SRF berief sich pauschal auf «Forschende» und verlieh der Aussage damit wissenschaftliche Autorität, ohne einen Beleg zu liefern. Für Kinder, die eine solche Aussage nicht selbst überprüfen können, werde so «eine kontroverse Deutung der Geschichte als Faktum» dargestellt.
Die Ombudsstelle bestätigt darüber hinaus einen weiteren Kritikpunkt: Die Formulierung bringe die Zweigeschlechtlichkeit implizit mit Unterdrückung in Verbindung.
Das ist keine Nebensächlichkeit. Ein öffentlich finanziertes Kinderangebot stellte damit eine gesellschaftspolitisch umstrittene Interpretation unter dem Etikett von Wissen und Forschung dar.
3. Selbst «Mami und Papa» erscheinen als verbesserungsbedürftige Sprache
Besonders anschaulich wird das Problem bei der SRF-Sprachtabelle «Mit kleinen Worten viel bewirken». Darin stellte SRF unter der Überschrift «Statt …» alltägliche Begriffe wie «Jungs oder Mädchen», «Mama und Papa», «Bruder oder Schwester» sowie «Frauen und Männer» geschlechtsneutralen Alternativen gegenüber.
Die Ombudsstelle hält dazu fest: «Wörter wie ‹Mama und Papa› oder ‹Bruder und Schwester› sind weder ausgrenzend noch problematisch.» Durch die Konstruktion «Statt X sag Y» werde Kindern jedoch nahegelegt, ihr normaler Sprachgebrauch sei verbesserungsbedürftig. Damit überschreite SRF die Grenze zwischen Information und Empfehlung.
Das ist ein zentraler Punkt. Ein öffentlich-rechtliches Kinderangebot soll erklären. Es soll Kindern nicht durch scheinbar harmlose Sprachregeln vermitteln, welche gesellschaftspolitisch erwünschte Ausdrucksweise sie übernehmen sollen.
4. Sechs Beratungsstellen aus demselben weltanschaulichen Spektrum
Auch bei den Hilfsangeboten bestätigt die Ombudsstelle die Einseitigkeit. SRF führte sechs Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche auf. Sämtliche sechs stammen laut Ombudsstelle aus dem queeren Organisationsspektrum.
Die Ombudsstelle bezeichnet diese Auswahl ausdrücklich als «einseitig». Bei einem Kinderangebot wären allgemeine, breit anerkannte und weltanschaulich nicht positionierte Beratungsangebote naheliegend gewesen.
Die Ombudsstelle ist zum Schluss gekommen: Das Sachgerechtigkeitsgebot wurde verletzt. Mehrfach.
Das Sachgerechtigkeitsgebot ist dabei mehr als eine journalistische Stilregel. Art. 4 Abs. 2 RTVG verlangt: «Redaktionelle Sendungen mit Informationsgehalt müssen Tatsachen und Ereignisse sachgerecht darstellen, so dass sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann.»
Nach dem Entscheid hat SRF den Beitrag überarbeitet und Pro Juventute nachträglich in die Liste aufgenommen. Auf die Frage nach der einseitigen Auswahl antwortete SRF anschliessend, neben den spezialisierten Organisationen werde «auch Pro Juventute als allgemeine Beratungsstelle» aufgeführt – ohne zu erwähnen, dass dies in der von der Ombudsstelle beurteilten Fassung nicht der Fall war. Die vorgenommenen Änderungen hat SRF bislang nicht transparent ausgewiesen. (Stand 17.09)
Der Fall «Wer bin ich?» ist deshalb mehr als eine Auseinandersetzung über einzelne Wörter. Er zeigt exemplarisch, was geschieht, wenn eine gesellschaftspolitische Perspektive so selbstverständlich geworden ist, dass ihre umstrittenen Voraussetzungen in einem Kinderangebot gar nicht mehr als solche erkannt werden.
Glücklicherweise hat hier die Ombudsstelle eine wichtige Grenze gezogen.